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Prof. Dr. Omar Astorga

Lebenslauf

Omar Astorga ist Professor an der Abteilung Philosophie der Universidad Central de Venezuela (UCV). Promotion in Philosophie an der Universidad Simón Bolívar. Visiting Scholar u.a. an den Universitäten Columbia, Oxford und Padua. Forscht über neuzeitliche und zeitgenössische Politische Philosophie. Wurde 1993 mit einer Untersuchung über die Philosophie Spinozas in der Sparte “Kurzer Essay” mit dem Federico-Riu-Preis für philosophische Forschung ausgezeichnet. 2001 Auszeichnung mit dem APUCV-Zweijahrespreis für Hochschullehrbücher. Erhielt 2004 wiederum den Federico-Riu-Preis für einen Essay über die Philosophie Octavio Paz’. Wurde 2008 anlässlich des 50. Jahrestags des Rates für Wissenschaftliche und Humanistische Entwicklung der UCV mit dem Preis für die Forscherlaufbahn gewürdigt. 2011 erneut Auszeichnung mit dem APUCV-Zweijahrespreis für Hochschullehrbücher.

An Buchveröffentlichungen sind hervorzuheben: El mito de la legitimación. Ensayos sobre política y cultura en la Venezuela contemporánea (Der Mythos de Legitimierung. Essays zu Politik und Kultur im zeitgenössischen Venezuela), 1995; El pensamiento político moderno. Hobbes, Locke y Kant (Das neuzeitliche politische Denken. Hobbes, Locke und Kant), 1999; La institución imaginaria del Leviathan (Die imaginäre Einrichtung des Leviathan), 2000; Ensayos sobre filosofía política y cultura (Essays zu Politischer Philosophie und Kultur), 2006; Herausgeber (zus. mit García und Kohn) von Pensamiento político contemporáneo: corrientes fundamentales (Zeitgenössisches politisches Denken: Grundrichtungen), 2012. Veröffentlicht regelmäßig in Zeitschriften und Sammel-Fachpublikationen. War Begründer der Zeitschrift Apuntes Filosóficos. Gehört dem FONACIT-Forschungsprogramm an.

Krise und Wandlung des Souveränitätsbegriffs

Die Untersuchung der Krise und Wandlung des Souveränitätsbegriffs ist durch die Notwendigkeit begründet, eine analytische und historiografische Bilanz der Debatten um diesen Begriff im Rahmen der Politischen Philosophie zu liefern. Die Notwendigkeit einer solchen Bilanz fußt auf zwei grundlegenden Aspekten: einerseits der Wahrnehmung, dass bei den Interpreten keine Übereinstimmung über die Tragweite und Geltung der diversen theoretischen Ansätze herrscht, die die Gültigkeit bzw. geschichtliche Verdrängung des Souveränitätsprinzips zu zeigen versucht haben; andererseits den verschiedenen Ausdrucksweisen der Umgestaltung politischer Ordnung im Rahmen der Globalisierung und dem Aufkommen von Tendenzen, die die Ausübung der herkömmlicherweise mit der neuzeitlichen Vorstellung vom Nationalstaat verbundenen Souveränität negativ beeinflusst haben und weiter beeinflussen.

Betont werden muss, dass sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute die Organisation der Gesellschaften rasant verändert hat. Der Begriff der Souveränität ist immer komplexer und mannigfaltiger geworden, während gleichzeitig die Grenzen des Staates durch die Kommunikationstechniken, die politische und kulturelle Multipolarität und allgemein den Globalisierungsprozess in Mitleidenschaft gezogen zu werden beginnen.

In diesem Zusammenhang sind hinsichtlich der Gestaltungsmöglichkeiten der Souveränität verschiedene Ansätze vorgeschlagen worden. Unter anderem lassen sich drei Trends unterscheiden, die eine Neuuntersuchung dieses Begriffs begründen. Der erste verweist auf die Möglichkeit der Bildung verschiedener Kernbereiche, in denen sich die Macht jenseits der Grenzen des Nationalstaats organisiert. In diesem Fall handelt es sich um diverse Formen der Artikulierung wirtschaftlicher, finanzieller und politischer Körperschaften internationaler Reichweite, von denen die grundlegenden Richtlinien zur weltweiten Regierungsausübung ausgehen. Hier liegt die Souveränität nicht mehr beim Parlament oder den Regierungen, sondern wird vielmehr von Instanzen ausgeübt, die über die Grenzen des Staates hinausgehen. Sie gliche einem ungeheuren Netzwerk, das die Führungsrolle der Staaten verdrängen würde. Damit wäre – diesem Ansatz zufolge – die moderne Vorstellung widerlegt, nach der die Regierungstätigkeit auf globaler Ebene durch einen Staatenbund ausgeübt würde. Dies wäre das geschichtliche Szenarium mancher liberalen und verfassungsrechtlichen Theorien.

Die zweite Tendenz – vielleicht die am wenigsten wahrscheinliche – besteht in der weltweiten Vereinigung der Souveränität, so strukturiert, dass die Macht von einem Hauptkern her ausgeübt werden kann, um den herum sich weitere Kernbereiche gliedern würden. Es wäre eine Art Rückkehr zu einem Leviathan globaler Reichweite, was die Verlängerung der neuzeitlichen politischen Schemata bedeutete, ohne dass dies die Möglichkeit des Wiedererscheinens des Staates einschließen würde. Diese Tendenz entspräche der postmodernen Entwicklung der Vorstellung von Souveränität als absoluter Gewalt.

Der dritte Trend geht in Richtung einer fragmentierten und ungleichmäßigen Entwicklung der Souveränität auf globaler Ebene, bei der sich – jenseits des modernen Staatsschemas – Kernbereiche der Machtausübung bilden sollen, die nicht unbedingt hegemonischer und imperialer Natur, sondern grundsätzlich interessiert sind an ihrer Existenzerhaltung in Form einer politischen Gemeinschaft oder gesellschaftlichen Organisation. Dies wäre sicherlich ein Versuch, den Begriff der Souveränität selbst zu überwinden.

Wenn man die verschiedenen Wege betrachtet, die die Ausübung der Souveränität einschlagen kann, ließe sich behaupten, dass sich die gegenwärtige Gesellschaft an einem entscheidenden Punkt des Wandels ihrer grundlegenden Machtstrukturen befindet. Die neuzeitliche Bedeutung dieses Begriffs vermag die politisch-juristische Komplexität der heutigen staatlichen Gebilde nicht mehr zu erfassen. Man wird konzeptuelle und epochale Aspekte einzubeziehen haben, um eine neue Definition zu bieten, die zu einer Widerspiegelung der neuen Machtbeziehungen in- und außerhalb des Staates in der Lage ist, und sich dabei als Bezugspunkt an dem Problem orientieren müssen, zu wissen, wie seine Koordinierungsrolle für die Gesellschaftsordnung aussehen soll. Aus diesem Grund haben verschiedene Denker von Neuem die Möglichkeit der Definition von Souveränität innerhalb der neuen Weltszenarien aufgeworfen. Manche haben versucht, die Krise des Souveränitätsbegriffs zu zeigen, indem sie sogar auf sein fortschreitendes Verschwinden hingewiesen haben. Andere dagegen – die Mehrheit – haben die Veränderung der Souveränität zu zeigen gesucht aufgrund der vielfachen Verschiebungen, die die Machtausübung neben den neuen Forderungen nach Gerechtigkeit erfahren hat. Aus diesen Gründen verdient der Begriff der Souveränität eine Überprüfung, insbesondere wenn man die unterschiedlichen intellektuellen Kontexte berücksichtigt, von denen ausgehend er behandelt worden ist.